Slogan

This entry was written by Isabelle, posted on August 20, 2012 at 8:52 am, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Suchmaschinenoptimierung

Sie benötigen Texte, die thematisch auf Ihre Dienstleistung oder Ihr Produkt zugeschnitten und zugleich so geschrieben sind, dass sie diesbezügliche Schlüsselworte in ausgetüftelter Häufigkeit, HTML-Auszeichnung und Platzierung enthalten? Ich recherchiere für Sie die im Internet am häufigsten gesuchten Worte zu Ihrem Thema und lasse diese an den richtigen Stellen in einen interessanten Text einfließen. Beispiele finden Sie auf den Internetseiten kultur-und-kreativrecht.de oder nussdorfer-kuechenhaus.de.

This entry was written by Isabelle, posted on Oktober 24, 2011 at 11:33 am, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Künstlerporträt

Transparenz, Transzendenz, Transformation

Die Arbeiten von Gabriele Schmitz-Reum sind geprägt vom Ausloten der Grenzen verschiedener Materialitäten. Auf den ersten Blick oft gar nicht erkennbar sind ihre Malerei, genauso wie ihre Zeichnungen und Objekte von vielen aufeinanderhaftenden Stoffen, Substanzen, Teilchen und Farbschichten geprägt und durchwirkt. Sie überlagern und überkreuzen, durchdringen und verändern sich gegenseitig, teilweise bis zur völligen Verschmelzung.

Mit diesem Fokus ist die Materialauswahl der Künstlerin von der Suche nach Transparenz bestimmt: Alles, was durchsichtig ist oder durchscheinend gemacht werden kann, ist in ihr Werk eingeflossen. Da finden sich Glas- und Geleeobjekte genauso wie bearbeitete Häute, Papier, Seiden, fließendes Wasser, Kautschuk, Wachs, Farbverdünnungen, Tee, Tusche …

Für ihre Ölbilder hat Gabriele Schmitz-Reum eine eigene Technik des schichtweisen, durchscheinenden Auftragens entwickelt, die sie in ihrer Malschule an viele Interessierte weitergibt. So entdeckt man in der Serie „Schattenkörper“ bei näherem Hinsehen, dass die Verdunklungen in den Bildern nicht etwa aus dunklen Pigmenten bestehen, sondern nacheinander aufgetragenen vielfarbigen Schichten. Sie sind Ergebnis der von Schmitz-Reum unterrichteten Malweise: „Strukturen und Tiefen erahnen und verstärken – dadurch kann das Licht zum Ausdruck kommen“.

Schmitz-Reum spricht von „abstrahierten Transparenzen“, wenn sie mit bewusst herbei geführten Brüchigkeiten für Durchblicke sorgt: Materialrisse, von Hand oder im Verlauf langer Trocknung und Alterung entstanden, durch Gewebeverschleiß oder nur den Farbauftrag. Mal sieht es nach Schrunden und Falten aus, dann, als bräche die eigentliche Gestalt hinter den Schichten hervor oder ruhe hinter gewelltem Glas.

„Meine Bilder sind nicht schön, eher bizarr, fragil, fremdartig. Ich möchte eine Möglichkeit schaffen, den Menschen anders zu sehen, um ihn besser zu verstehen – außerhalb der Norm: verzerrt, verdreht, versteckt. Genau das ist auch mein Ziel in der Abstraktion, dass ich versuche, das Wesen der Form darzustellen – die Essenz, indem ich die Norm wegnehme.“

Manches Bildelement, das von Weitem wie ein breiter Pinselstrich wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als aufgeklebter Gewebefetzen, der völlig ins Bild eingegangen ist. Nicht nur Stoffe, auch Perlmutt-Chips, Schellackplättchen, Blattgold, Eisenspäne, Buchseiten – Gabriele Schmitz-Reum transformiert all das zu neuen Ausdrucksmitteln. „Ich versuche, eine neue Oberfläche zu schaffen, um eine neue Sicht auf den Körper zu bekommen und mir damit seiner eigentlichen Beschaffenheit bewusst zu werden.“

 

In ihrem Frühwerk arbeitete Gabriele Schmitz-Reum ausschließlich mit Grautönen und widmete sich der Zeichnung und Graphik. In der Serie „Körperwelten“ fand sie zeichnerisch Wege, ihre Figuren wie über dem Papier schwebend erscheinen zu lassen. Die netzartige Schraffurtechnik lässt den Eindruck feiner, dunkler über das Papier gespannter Gaze entstehen. Trotz stark kontrastierender Hell-/Dunkelbereiche scheint der weiße Hintergrund des Papiers immer hindurch. Teilbereiche der abgebildeten Gestalt wiederholen sich wie das Echo einer Form. Die abgebildeten Körper treten in fließenden Übergang mit ihrer Umgebung, wirken in sie hinein, werden zur Landschaft.

Das Auflösen der Form, diese teilweise freizugeben, in anderen Bereichen wieder zu verdecken, und hierüber eine große Spannung zu erzeugen, ist das wiederkehrende Moment. Weite Teile des Bildes verbleiben oft in der Andeutung. Später geht Schmitz-Reum dazu über, ihre Bilder mit mehreren durchsichtigen Leinwänden aufzubauen und damit reale Tiefen zu erzeugen. Es sind hauchdünne Seiden und Transparentpapiere, die sie dafür mit Tusche, Stift und Kohle stellenweise bearbeitet und am Ende semidurchsichtig übereinander spannt. Der auf diese Weise dargestellte Torso erscheint und verbirgt sich auf mehreren Ebenen. Stellenweise kann man ihn nur erahnen. „Auch wenn ganz wenig dargestellt wird, ist trotzdem das Ganze vorhanden. Den vollständigen Umriss muss man sich selbst im Geiste zusammensetzen. Es ist Empathie, die da verlangt wird.“

Auf Lücken zielen auch die Schüttbilder, „wo man die über das Bild laufenden Farbspuren verstehen, lenken und malerisch interpretieren muss“. Da werden Schnüre gelegt, an denen die Farbe entlang fließen kann, von denen sie gestoppt oder umgelenkt wird: Ultramarinblau, Schwefelgelb, Moosgrün, leuchtendes Blaulila. Schmitz-Reum nennt sie „starkfarbige Bilder“, bei denen sie anstelle malfertiger Pasten reine Pigmente auf der mehrfach vorgearbeiteten, dann genässten Leinwand in Fluss gebracht hat.

 

Gabriele Schmitz-Reum unterteilt ihre Bilder in Transparenz-, Schwarz-, farbige, Gold- und Weiß-Phase. Eine Zeitlang bereitete sie ihre Bildhintergründe mit Blattgold, Vergolderwachs oder goldener Creme vor, um den transparenten Ölfarben darüber eine besondere Leuchtkraft zu verleihen. An anderen Stellen trägt sie die Farbe anschließend ganz abdeckend auf, sodass vom Gold nichts mehr hindurchscheint. „Das hat man auch im Mittelalter getan: Der Goldgrund repräsentierte das Himmelreich. Für mich ist es das gleißende Vergessen“. In ihrem Bild „Goldmund und der Feuerzwerg“ erkämpfen sich feuriges Rot und versengtes Schwarz die Vorherrschaft in den Zwischenräumen der Goldplättchen.

Im Übergang zur Weiß-Phase entstehen großformatige Gemälde wie „Seht, ein Mensch!“, in denen Gold und Weiß in zahllosen Nuancen und Schattierungen eine Paarung eingehen. Der in Händen gehaltene Kopf ist ein wiederkehrendes Motiv, oft gesichtslos. Nach dem Grund gefragt, antwortet Schmitz-Reum: „Der Gesichtsausdruck würde den Ausdruck des Körpers stören.“ Es fällt auf, dass Köpfe in den Bildern immer körperlos sind und Körper stets kopflos oder mit verborgenem Gesicht dargestellt sind.

„LichtAtmer“ nennt Schmitz-Reum die für eine Installation in der Dortmunder Phönixhalle 2010 geformten Gelatineköpfe, von denen sie mehrere Hundert zu einem Kronleuchter-artigen Ensemble gruppiert. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man die Gesichter in dem Riesenlüster. Der in der Mitte verborgene durch sie hindurchleuchtende Strahler überblendet ihre Physiognomie, lässt nur die Außenränder der wie aus Glas erscheinenden Köpfe erkennen. Das Licht entstellt und verzerrt durch die Solarisation ihre Antlitze – „eine Art von Abstraktion durch Licht“.

Noch im gleichen Jahr präsentierte Gabriele Schmitz-Reum in der Turbinenhalle Bochum „Homunkulus-Labor“, eine gemeinsame Arbeit mit Werner Block, für die sie Glas-Köpfe in halb mit Salzlake gefüllten Phiolen arrangierte. Im Verlauf des Ausstellungszeitraums setzten sich Kristalle ab, überwuchern die in sie eingetauchten Gesichter – eine stetige Verfremdung, die ganz von allein geschah. „Man sah jeden Kopf auf seine eigene Weise alt werden“, erinnert sich Schmitz-Reum.

Die Gelatineköpfe sind mittlerweile durch Feuchtigkeit geschrumpft und zerfallen – ganz im Gegensatz zu den drei gläsernen Brunnen „Zeichner“, „Maler“, „Bildhauer“ mit der Übertitelung „Die Quelle in mir“. Die sinnbildlichen Wassersäulen sprudeln unversiegbar in ihrem Inneren empor. Sie verlieren keinen Tropfen, verdunsten nicht und bleiben hinter der klar umrissenen, zugleich transparenten Form. Ihr Verlauf ist jedoch unberechenbar und auch, wie sich das Licht des Himmels in ihnen bricht. Dem Betrachter eröffnen sich zahllose Winkel, aus denen heraus die Skulptur ihre Wandelbarkeit erkennen lässt – eine Charakteristik für das Gesamtwerk von Gabriele Schmitz-Reum.

www.atelier-sternentor.de

This entry was written by Isabelle, posted on Februar 3, 2011 at 7:06 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Unternehmerporträt

Friseursalon Ponyhof: Kein Schnitt von der Stange

Manche Haare kräuseln sich, andere bleiben glatt. Wie sehr, bedingen auch Schnitt und Schneidetechnik, eingesetzte Pflegemittel, manchmal auch das Wetter. Ein erfahrener Friseur kennt sich mit all dem aus, weiß, wie Schnitt-, Haar und Gesichtsform am besten „miteinander können“. Mischa Reschke ist so einer. Acht Jahre lang leitete er den Salon einer bekannten Kette. Dann war er die Standard-Schnitte, die Enge des Ladens und die Akkordarbeit leid.

In Bochums Kortumstraße, Ecke Nordring fand der 34-Jährige, wonach er suchte: ein geräumiges Ladenlokal mit Spielraum, großen Fensterfronten nach zwei Seiten – hell, zentral, einladend. Reschke legte Hand an und sorgte durch gelungene Raumaufteilung, viel Weiß, lila Barocksessel und moderne Steinoptik an den Wänden für einen echten Hingucker unter den Friseursalons. Das Selbstverständnis ist so modern wie locker und kommt nicht ohne Augenzwinkern: Willkommen im „Ponyhof“!
(mehr …)

This entry was written by Isabelle, posted on Februar 2, 2011 at 6:42 pm, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Verständnishilfen

Wie Sie mit Ihrer Homepage im Netz aufsteigen

Viele Faktoren entscheiden heute darüber, ob Ihre Homepage bei den Suchmaschinen auf den vorderen Plätzen gelistet ist – ob bei Google, Bing oder Yahoo. Einer der wichtigsten ist die sogenannte externe Verlinkung oder Rückverlinkung. Man spricht meistens von Backlinks. Gemeint ist: ein Link zu Ihrer Homepage, z.B. auf der Homepage eines Ihrer Geschäftspartner zu Ihrer Internetseite.

Im Netz geht es um das gleiche wie im wahren Leben, wenn man bekannt werden will: Popularität. Und die erreicht man, indem andere Sie weiterempfehlen. Dieser Mechanismus wird im Netz durch Links auf möglichst vielen anderen Homepages erreicht, denn je mehr Menschen Sie weiterempfehlen, um so besser. Wenn darunter auch ein lokal bekannter Geschäftsmann oder Dienstleister ist, wirkt das besonders. Schließlich kennt dieser viele Leute, denen er Ihr Geschäft empfehlen kann. Unterm Strich macht es also die Menge der Qualitätskontakte.

Generell gilt: Je mehr Internetseiten einen Link zu Ihrer Homepage aufweisen, desto besser. Wenn dies viel besuchte Seiten im Netz sind, also prominente Seiten mit hohem PageRank (großer Bekanntheit), ist es noch vorteilhafter. Wie hoch der PageRank auf einer Skala zwischen 0 und 10 einer Webseite ist, können Sie z.B. hier überprüfen: www.gaijin.at/olsgprank.php

Allerdings spielt die reine Anzahl der Backlinks eine wachsende Rolle. Der Grund dafür ist, dass der Verkauf von Link-Platzierungen auf Seiten mit hohem PageRank längst zum Geschäft geworden ist. Suchmaschinen ist dieses Täuschen der natürlichen PageRank-Berechnung nicht recht und bewertet daher breit gefächerte Verlinkung besser als wenige Links von starken Seiten. -> Platzieren Sie Ihre Adresse auf vielen verschiedenen Homepages!

[Ausschnitt aus einem Merkblatt für Partnerunternehmen]

This entry was written by Isabelle, posted on September 8, 2010 at 6:22 pm, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Reportagen

Kunst statt Köttel: Odyssee im Emscherraum

Gegenständliche und konzeptuelle Projekte internationaler Künstler und Kooperationen rücken den schmalen Streifen Land zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal als größtes Kunstprojekt im Kulturhauptstadtjahr ins Rampenlicht. Auf dem Stahlross (be)suchte Isabelle Reiff die Vorboten eines neuen Flusses.

Emscherkunst, wo bist du? Diese Frage kann einen stark beschäftigen, wenn man ohne Kartenmaterial los zieht, 40 Kilometer Kanalstrecke nach auffälligen Installationen abzuradeln – nicht ganz doof mit dem Plan, am östlichsten Ende der Insel einzusteigen, genau da, wo Bretterwände und Bauzäune den Blick verstellen und man nach Erklimmen einer Aussichtsplattform von einem gelben Fernglas an der Nase herumgeführt wird.
Im Gewerbegebiet von Castrop-Rauxel unterquert die Emscher den Rhein-Herne-Kanal, und eine riesige Baustelle zeugt vom Umbau dieser Kreuzung ohne Wegweiser. Sportliche Senioren, die einem auf Tourenbikes entgegenkommen, haben den Bretterturm gesehen. „Das soll Kunst sein?“ Sie zeigen in die Richtung, die es einzuschlagen gilt. Und das sich drehende Fernglas? „Ja das Fernglas ist kaputt.“ Falsch: Das Fernglas ist ebenso Kunst, aber das wissen viele noch nicht.
„Es geht uns nicht um gefällige Kunst. Wir wollen immer auch ein klein wenig erschüttern.“ Kirill Ivlev ist nicht der Mann, der die verrückten Ferngläser oder den Turm an der Emscher aufgestellt hat. Stattdessen hat er eine aufblasbare Kirchenruine geschaffen, so groß, dass man darin Gottesdienste abhalten kann. Sie steht „auf einer Art Schweizer Boden“, nämlich exakt zwischen Herne und Recklinghausen am Stadthafen. Die feierliche Einweihung begleitet Laura Schubert an der Ätherwellengeige, einem elektronischen Instrument, das berührungslos gespielt wird und sehr seltsame außerirdisch anmutende Klänge abgibt.
Ivlev tauft die Kirche auf den Namen „Epiram Tepeti“, ein von Peter Eisenkoko erfundenes Wort, er selbst dafür bekannt, in seinem zweiten Semester an der Kunstakademie Münster den gesamten Faust durch Verdrehung von Buchstaben neu geschrieben zu haben. Das Publikum wartet geheimnisumwittert. Die Sekt-Taufe schlägt fehl: Wieder und wieder schlägt die Flasche gegen die Kirchenwand, doch die ist ja aus Luft in Plastik … Das Beste kommt jetzt: Auftritt Pawel Podolak in einem selbst kreierten Gefieder aus Hunderten von Ausschnitten seiner computergenerierten Gemälde. Mit ihm gerät die Brotschleudermaschine in Gang: „Hunderte Scheiben Toastbrot wurden auf das Publikum geworfen“, schreibt später unfroh die Recklinghäuser Zeitung. Von der Vogel-Gottheit kommt nun die Aufforderung, ihr daraus ein Podest zu bauen. Die Erwachsenen sind empört. „Aber Papa, das ist doch Kunst!“ Begeistert türmen die Kinder Toastscheibe auf Toastscheibe.
Natürlich hält das Podest nicht, dafür ist hinten ein Ausgrabungsfeld zum Selberbuddeln. Und neun gelbe Bauwagen stehen reihum, Namensgeber für „das goldene Dorf“ (das nun auch eine Kirche hat), auch wenn der Anstrich leider ins Ockergelb trocknete. Doch das Innere ist entscheidend: Studenten und Ehemalige haben in jedem Wagen Kunst installiert, nicht nur zur Besichtigung, auch zur Übernachtung – kostenlos und inklusive Kaffee. Toiletten und Waschräume befinden sich in einem extra Wagon. Wer will, kann auch in den Bäumen schlafen, den immerwährenden Vollmond bestaunen oder über sieben Brücken hinweg die wechselnden Ausstellungen in den beiden Trailern am Hafenrand besuchen.
Es gibt viel zu sehen, und Vieles ist von der Umgebungsgeschichte inspiriert, davon zeugen die wie Weintrauben vom Strommast herabhängenden Grubenhelme genauso wie der Titel der Performance am 3.7. um 19 Uhr: „Abfluss des Spottes“.  Steht doch die ganze Kunst hier im Zeichen der Emscher, und die ist nun mal seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein „Köttelbecke“, so die spöttische Bezeichnung für einen Kot-Bach – die offene Ableitung von Fäkalien in natürlichen Gewässern.
Über die „Lebensgefahr!“-Schilder, die es so nur an der Emscher gibt, mache ich mich anfangs auf meiner Irrfahrt noch lustig: Mit vor Schreck aufgerissenem Mund stürzt die Warnfigur hinterrücks in den Bach, der selbst kaum knietief ist. Doch das Schild übertreibt nicht. „Der Autor von ‚Deutschland zu Fuß’ ist in der Emscher ertrunken“, berichtet Biologielehrer Rolf Swoboda, den ich orientierungsuchend vor dem Faulturm in Herne kennen lerne. „Er ist die Schräge von 45 Grad nicht mehr hochgekommen, weil sie vor lauter Pilzen und Schlamm völlig glitschig ist. Noch dazu hatte er ziemlich viel Wasser geschluckt …“
Dass das keine Trinkwasserqualität hat, sieht man mit bloßem Auge – und riecht es auch. Doch nicht mehr lange: Swoboda gibt den Tipp, sich die Bezeichnung „Emscher-Forelle“ patentieren zu lassen. Spätestens 2020 könnte damit die Kasse klingeln, weil der Bach dann so sauber sei, dass eine Forelle darin leben kann. Bis dahin soll die Emscher in ihren ursprünglichen stark mäandernden Verlauf überführt werden und das Abwasser in einer unterirdischen Röhre ablaufen.
Neue Faultürme hat sie schon. Dieser hier, vor dem ich stehe, ist lange schon bakterienentleert. Stattdessen finden sich an seiner Außenseite historische Szenen von Bergarbeiterstreiks im Ruhrgebiet. Silke Wagner versteht ihr arbeitsintensives Mosaik als „Denkmal für die Geschichte des Bergbaus“, weil deren „Arbeiterbewegung für die Demokratisierung Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert entscheidend“ war.
Auch das Innere des zylinderförmigen Betonkubus setzt sich mit der Vergangenheit des Bergbaus auseinander: Auf vier halbtransparenten Leinwänden spielen sich verschiedene Szenen einer Familie im Ruhrgebiet ab. Grubenschächte, Kokereiruinen, eine Halde und die heimische Küche sind der Hintergrund für den Film des Duos M+M „Schlagende Wetter“, ein Begriff aus der Bergmannssprache und auch eine Metapher für zwischenmenschliche Spannungen.
„Glückauf“, heißt es jetzt für mich, denn der nette Herr Swoboda wird von Ute Jäger begleitet, und die arbeitet bei der Emschergenossenschaft. Ich erfahre nicht nur, wie Faulgase Energie erzeugen oder dass seit Jahren Grundstücke links und rechts des Baches erworben werden, um Platz für Kurven zu gewinnen, sondern auch, wo ich eine detaillierte Karte erhalte: um die Ecke im Museum Strom und Leben.
Endlich orientiert weiß ich, was ich noch vor mir habe: eine Skulptur im „Herner Meer“, die aussieht wie krumm gestapelte lackierte Blumentöpfe und aus allen Löchern pfeift, dazu Computerstimmen aus den Büschen, die vom „Ende biologischen Lebens“ im Jahr 7000 berichten. Bei schönem Wetter tummeln sich hier Jugendcliquen und Familien. Niemand beachtet die Naturschutz-Schilder. Überall liegen weggeworfene leere Plastikhüllen, Taschentücher und Kaputtes. Auf dem Hügel der Mülldeponie steht reflektierend „Satisfy me“.
Gegenüber der Mole findet man mitten im inoffiziellen Industriekultur-Strandbad einen Gastank, der sich innen als kuriose Vogelbeobachtungsstation entpuppt: ein alter Sekretär voll mit antiquarischen Büchern zum Thema Ornithologie, zerschlissene Ledersessel, Pfeiffen, Spazierstöcke, Gummistiefel … Bis auf zwei neue Teleskope, durch die man bis ans andere Ufer sieht, hat der sammelleidenschaftliche Mark Dion mit Leihgaben wirklicher Vogelforscher eine Bühne wie für Miss Marple geschaffen.
Das nächste gelbe Fernglas – sieben habe ich verpasst – wurde ramponiert – wie Vieles leider. Am Besucherpavillon im Nordsternpark sah man sich durch Jeppe Heins gelben Feldstecher in Ego-Shooter-Perspektive selbst von hinten. Den Vandalisten muss das so schockiert haben, dass er kurzum die Kamera im Rücken demontierte.
In Signalfarbe Orange leitet mich Jochen Beier zu Emily. Sie lebt bis Ende August im Kunstwerk „Walking House“ von N55. Das Sinnbild einer mobilen Gesellschaft schafft 200 Meter pro Stunde. Solarzellen auf dem Dach versorgen den Bordcomputer und die Beine des Hauses mit Energie. Es gibt einen kleinen Ofen, eine Art Hochbett, Komposttoilette, einen Regenwassersammler, unter dem man draußen duschen kann.
Emilys Großvater war Kohlearbeiter in Pittsburgh. Sie spürt darum „an affinity to the Ruhr“. Und Leben mit wenig Komfort macht Emily nichts aus: Seit Jahren wohnt sie immer übergangsweise in leer stehenden Häusern und von dem, was Supermärkte täglich wegwerfen, zuletzt in New York. Sie tut es aus Überzeugung („I don’t want to reproduce the system.“) und dokumentiert diese Lebenskunst in Text und Bild.
Auch in der Skulptur von Observatorium, Künstlergruppe aus Rotterdam, kann übernachtet werden. Lange „Warten auf den Fluss“ wollen hier so viele Besucher, dass die Betten der bewohnbaren Brücke bis zum Ende der Emscherkunst am 5. September ausgebucht sind. Ihr zickzackförmiger Verlauf, der sich behutsam in die vorgefundene Landschaft einfügt, bietet jedoch auch für Tagesgäste überall Platz zum Sitzen, in der Sonne liegen und aus verschiedenen Blickwinkeln mit Natur und anderen in Kontakt kommen. Die aus stabilen Gerüstplanken aus dem Rotterdamer Hafen erstellte Architektur erhebt sich 1 Meter 20 über dem bald wieder in großen Kurven drunter her laufenden Fluss. Bis es soweit ist, kann die Zwischenzeit zwischen alter und neuer Emscher gemeinsam wartend und betrachtend überbrückt werden. So entsteht „Kunst des öffentlichen Raums anstelle von bloß im öffentlichen Raum“ erklärt mir Andre Dekker sein konzeptionelles Ziel, die Bedeutung der Umgebung fühlbar zu machen.
Vorbei an einem vergoldeten Turm außer Sichtweite des neuen Obelisken erreiche ich eine andere Brückenkunst: „Between the waters“ verbindet das Pipiwasser der Emscher mit dem Badewasser des Rhein-Herne-Kanals. Was hoch über dem Köttelbach in die Toilette läuft, wird in einer Pflanzenkläranlage über Monate hinweg gereinigt. Heraus kommt trinkbares Wasser am Ufer des Kanals, eine Demonstration der Fähigkeit der Natur, sich selbst zu erneuern.
Ich traue mich nicht, hier meine Blase zu entleeren, gar zu sehr schaukelt die Toilette im Sommersturm. Das, Stephan Hubers Kasperltheater und den BernePark hebe ich mir für morgen auf. Der singende Berg an der Schleuse Gelsenkirchen und Tobias Rehbergers Spiralbrücke in Oberhausen werden im August bzw. Herbst erst fertig. An einem Tag schafft man das Ganze sowieso nicht und erst recht nicht ohne die „Rad- und Wanderkarte Emscher Insel-Tour“.

[HEINZ-Magazin, Juli 2010]

This entry was written by Isabelle, posted on Juli 3, 2010 at 5:48 pm, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Anleitungen

[Ausschnitt aus einem Text für ein Videotutorial]

1. Begrüßung

Guten Tag, Grüß Gott, Servus und Willkommen beim Homepagebaukasten. Dieses Videotutorial zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie an Ihrer Homepage Änderungen vornehmen. Während der Wiedergabe können Sie ganz einfach zwischen den Kapiteln navigieren und sich das ein oder andere Thema anschließend noch einmal ansehen.

2. Anmeldung / Abmeldung

Bevor Sie sich zum ersten Mal anmelden, legen Sie am besten schon einmal Ihre Zugangsnummer und Ihr Kennwort griffbereit. Sehen Sie auch noch einmal nach, unter welchem Domainnamen Ihr neuer Webauftritt im Internet erscheint. Alles beisammen? Gut, dann müssen Sie nur noch Ihren Internetbrowser starten. Das sind zum Beispiel Mozilla Firefox oder Microsoft Internetexplorer. Starten Sie nun eines der beiden Programme oder ein ganz anderes, je nachdem, wie Sie zu surfen pflegen.

Geben Sie oben in das weiße Feld der Adresszeile Folgendes ein: (…). Drücken Sie die Enter-Taste, und schon sind Sie angekommen. Hier ist Ihr Homepagebaukasten, von jedem Rechner mit Internetzugang aus zu erreichen. Erstellen Sie jetzt am besten einen Favoriten oder – wenn Sie mit Mozilla Firefox ins Internet gehen – ein Lesezeichen. Dann können Sie beim nächsten Mal an diesem PC mit einem Klick über das Menü „Favoriten“ bzw. „Lesezeichen“ auf Ihren Baukasten zugreifen.

Geben Sie jetzt bitte Ihre Zugangsnummer ein und darunter Ihr Kennwort. Wenn Sie es mit dem Keygenerator erzeugen wollen, drücken sie jetzt bitte die kleine Taste darauf und schreiben die angegebenen Ziffern ab in dieses Feld hinein. Evtl. werden Sie gefragt, ob das Passwort gespeichert werden soll. Sie sollten hier nur dann bestätigen, wenn Sie Ihr Kennwort nicht mit dem Keygenerator erzeugt haben. In diesem Fall klicken Sie auf „nie speichern“.

Et voilà: So sieht Ihr Baukasten von innen aus.

Und wie sieht er von außen aus?

Sie haben zwei Möglichkeiten, das nachzusehen. Klicken Sie entweder auf den Link „zur Homepage“: Je nach Ihren Browsereinstellungen geht nun ein neues Fenster oder eine neue Registerkarte auf …

[für Partnerunternehmen einer Handelsbeteiligungsgruppe]

This entry was written by Isabelle, posted on Mai 5, 2010 at 6:12 pm, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Pressemeldung

5 Jahre FairBleiben in Dortmund: Concept Store für Öko-Textilien hat sein Sortiment erweitert

Mode ohne Nebenwirkungen: Für immer mehr Menschen sind Bio-Qualität und fairer Handel wichtige Kriterien beim Kleiderkauf. Das merkt auch Andrea von der Heydt, Inhaberin des Fachgeschäftes FairBleiben für umweltschonende Mode und Accessoires. Spätestens seit die 46-Jährige noch einmal erweitert hat, kommen die Kunden sogar aus Münster, Hamm und Bochum in den Heiligen Weg 3-5 zwischen Fußgängerzone und Kaiserstraße.

Von der Heydt hat mit dem Umzug Richtung Dortmunder Innenstadt nicht nur ihre Ladenfläche, sondern auch das Sortiment erweitert. Neben Oberbekleidung wie Hosen und Röcken, Kleidern, Hemden, Shirts, Pullis, Hoodies oder Longsleeves gibt es bei FairBleiben auch Unter- und Nachtwäsche aus Biobaumwolle, Strumpfwaren, Schals, Mützen, Taschen und Accessoires. Witzige Geschenkideen wie Eierbecher aus Schallplatten oder Schlüsselbretter aus alten Büchern komplettieren ihr Angebot um Upcycling-Artikel.

Damit hebt sich der Ökomode-Laden klar von anderen Concept Stores ab. Selbst das Strandhandtuch fehlt hier nicht. Und auch Männer werden fündig: Ob Hanf-Jeans, Bambus-Viskose-Shirt oder Kapuzenjacke aus recyceltem Polyester – fair steht ihm nämlich genauso gut. Dass Öko-Klamotten stylish aussehen, dafür sorgen hochwertige Designer Labels aus der Eco Fashion Szene, z.B. HempAge, KnowledgeCotton Apparel, Bleed, recolution, Lana oder Living Crafts.

Allein preislich steht die grüne Mode herkömmlicher Markenware in nichts mehr nach. Das lässt sich unter www.fairbleiben.com überprüfen. Andrea von der Heydt bietet auf ihrer Homepage Vieles auch online zum Kauf an, darunter immer wieder stark rabattierte Einzelposten. Speziellen Kundenwünschen geht die Inhaberin gerne persönlich nach. Menschen mit empfindlicher Haut sind z.B. gut beraten, auf Hanf zu setzen. Stoff mit diesen Naturfasern ist besonders hautfreundlich und atmungsaktiv.

Hanf ist mehr als eine ökologische Investition. Sein Anbau ist auch hierzulande möglich, verursacht keine Abfälle und benötigt nur einen Bruchteil der Bewässerung von Baumwolle. Wie Leinen ist er gerade im Sommer sehr angenehm zu tragen, da er durch seine hohe Saugkraft und Luftdurchlässigkeit thermoregulierend wirkt – natürliche Funktionskleidung! Die Oberfläche von Hanfstoffen nimmt außerdem wenig Schmutz an und fusselt nicht.

Auch im fünften Jahr ihres Bestehens setzt Andrea von der Heydt nicht nur bei ihrem Warenangebot auf nachhaltig produzierte und ökologisch einwandfreie Ware. Dies gewährleisten vertraute und anerkannte Gütesiegel wie GOTS, Fair Wear und Fairtrade. Und auch die Ladeneinrichtung ist in großen Teilen FSC-zertifiziert oder Secondhand. Alle Spots strahlen mit Strom aus erneuerbaren Energien. Flyer und Prospekte werden auf Ökopapier und klimaneutral gedruckt. Online bestellte Ware kommt klimaneutral nach Hause. FairBleiben auf der ganzen Linie also – im Sinne der Geschäftsinhaberin: Andrea von der Heydt ist aktives Mitglied im ÖkoNetzwerk Dortmund e.V.

[erschienen in der IHK-Zeitschrift Ruhrwirtschaft]

This entry was written by Isabelle, posted on Februar 9, 2010 at 3:13 pm, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Blog

Sie benötigen gut geschriebene Blogeinträge zu vorgegebenen oder noch zu recherchierenden Themen – erheiternd, informierend, diskussionsanstoßend – für Ihre Firma, Ihr Hobby, Ihren Verein …? Beispiele dafür finden Sie auf borsig11.de, reiff-für-die-insel.de, kuechen-abverkauf.de oder auf kuechenkompass.com. Gerne arbeite ich mit den bei Ihnen eingesetzten Content Management-Systemen (z.B. Typo3, Contao, Reddot …) oder Weblog-Systemen wie WordPress.

This entry was written by Isabelle, posted on Januar 24, 2010 at 11:25 am, filed under Textbeispiele and tagged . Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Interview

„Der technologische Fortschritt prägt unser Selbstbild.“

Interview mit Professor Dr. Gundolf S. Freyermuth, erschienen im Fachmagazin Marketeers+Pioneers im Janur 2007.

 

Herr Freyermuth, Sie haben sich vor ein paar Jahren im Schweizer Kulturmagazin Du als Cyborg geoutet …

Freyermuth: Ja, die haben da eine Enzyklopädie des modernen Wissens veröffentlicht, und ich war unter anderem für das Stichwort Cyborg zuständig. Schließlich bin ich selbst einer.

Merkt man gar nicht!

Freyermuth: Das haben wir Cyborgs so an uns … Mensch und Maschine, Natur und Technik verschmelzen zu einer Einheit. Ich habe ein künstliches Ohr.

Welches?

Freyermuth (zeigt auf das linke): Dieses!

Gruselig!

Freyermuth: Nicht das Ohr hier draußen natürlich! Das Innenohr ist künstlich!

Ach so!

Freyermuth: Tympanoplastik heißt das. Früher krepierte man an solchen Wehwehchen. Oscar Wilde zum Beispiel starb an genau der Krankheit, die ich hatte. Heute überlebt man. Das ist einer der vielen Vorteile der Cyborgisierung – dass man länger lebt, dank Hunderten von mehr oder weniger smarten Ersatzteilen für unsere gebrechlichen Körper. Es gibt sogar erfolgreiche Sportler mit künstlichen Hüften. Die Cyborgs sind unter uns. Die sind längst keine fiktiven Schreckgestalten mehr. Cyborgs sind unsere Nachbarn, Cyborgs sind wir selbst.

Künstliche Körperteile werden zum Trend?

Freyermuth: Schon vor zehn Jahren kam ich in meinem Buch Cyberland auf eine vierseitige Ersatzteil-Liste, vom Herzschrittmacher bis zur künstlichen Retina. Allmählich wird die Wartungstechnik zum zentralen Problem der Medizin, was wir immer mehr brauchen, sind Cyborg-Techniker, ein Berufsfeld, das es so noch nicht gibt.

Cyborgs sind also keine Science Fiction mehr?

Freyermuth: Ursprünglich war das ohnehin keine Science Fiction. Zwei NASA-Forscher – Clynes und Kline – haben 1960 den Begriff geprägt. Cyborg ist die Kurzform für „kybernetischer Organismus“. Kybernetik ist die Lehre von der Maschinensteuerung. Es ging darum, wie der Mensch im Weltraum mit Hilfe technischer Maschinen überleben könnte. Was Clynes und Kline mit „Cyborg“ bezeichneten, war noch nicht das, was die Science Fiction dann draus machte. Gemeint war zunächst schlicht ein intuitives Verschmelzen, bei dem Menschen nicht mehr bewusst eine Maschine bedient, sondern mit ihr funktional eins werden.

Clynes Bild dafür war das Radfahren: Wenn Sie Fahrrad fahren, denken Sie nicht, wie Sie es machen. Wenn Sie darüber nachdächten, würden Sie auf die Fresse fallen. Sie fahren einfach – Sie gehen mit dem Fahrrad eine funktionale Einheit eine, nicht eine biologische, körperliche: Vom Fahrrad können Sie wieder absteigen. Das ist Ihnen ja nicht angenäht.

Es gibt also zwei Arten von Mensch-Maschine-Verschmelzung …

Freyermuth: Richtig. Wir erleben zum einen ein immer stärkeres funktionales Verschmelzen mit Maschinen, ob wir Auto fahren, ein Videospiel spielen, am Laptop arbeiten. Wenn dieser Umgang noch das alte Bedienungsmoment hätte, dass man an eine Maschine herantritt, einen Augenblick überlegt oder in einer Anweisung nachschlägt und dann auf den richtigen Knopf drückt, dann wären wir nicht so effektiv und versiert, wie wir sind. Wo das noch so ist, wo wir industrielle Maschinen einfach bedienen sollen, pflegen die meisten von uns denn auch zu scheitern: Wer kann schon einen dieser bekloppten analogen Videorekorder programmieren? Wohingegen viel komplexere Aufgaben an digitalen Maschinen wie Computern oder Spielekonsolen von den meisten recht mühelos erledigt werden, weil da eben durch bessere, auch personalisierbare, weil Software-basierte Interfaces dieses funktionale Verschmelzen von Mensch und Maschine gelingt.

Trotzdem wurde das Verständnis vom Cyborg als einer physischen Verschmelzung von Mensch und Maschine durch populäre Filme und Romane so dominierend, dass wir für die ursprüngliche Bedeutung von der Cyborgisierung als funktionaler Einheit einen neuen Begriff prägen mussten: Fyborgisierung.

Warum hat sich dieses „eingefleischte“ Verständnis von Cyborg durchgesetzt, wo das doch eher abschreckend ist?

Freyermuth: Gerade deshalb natürlich. Weil sich in der Figur des Cyborgs, der digitalen Menschmaschine, unsere aktuellen, ganz alltäglichen Ängste angesichts der Durchsetzung digitaler Produktions- und Kommunikationsmittel ausdrücken. Der Gedanke, eins mit unseren neuen Maschinen zu werden, scheint schrecklich – aber zugleich auch schön und verlockend. In der Science-Fiction, in unzähligen Spielfilmen verkörpert der Cyborg genau diese unsere Angstlust. Wie früher, für die Menschen der mechanischen Epoche, der unheimliche Automat. Was aber immer schon nicht nur eine Frage der Kunst oder der Philosophie war, sondern ganz praktische Konsequenzen hatte. In der Medizin etwa. Solange Sie das Herz als Sitz der Seele begreifen, des göttlichen Gedankens, der Liebe usw., können Sie es besingen, aber nicht heilen. Erst als man das Herz analog zur damals entstehenden Technik als simple Pumpe verstand, war man in der Lage, es auch zu reparieren. Indem die Menschen so begannen, sich nach dem Vorbild ihrer Maschinen zu begreifen, gewannen sie mehr Kontrolle auch über ihre eigene Existenz.

Das spiegelt sich ja auch in der Sprache wieder, wenn man an Idiome wie „der tickt nicht richtig“ denkt. Auch der Beipass ist ja ursprünglich eine Einrichtung in Heizungsanlagen.

Freyermuth: Ja, die Volksprache hat das sehr schnell in Metaphern begriffen, die von den jeweils neuesten Maschinen abgeleitet waren. Und die Medizin hat aus diesen Einsichten systematische Konsequenzen gezogen. Mit der Industrialisierung wurde der Mensch daher nach dem Vorbild der Dampfmaschinen verstanden und repariert. Auf der Intensivstation etwa, diesem Triumph industrieller Medizin, liegen wir in den Schläuchen als Teil einer fabrikartigen Apparatur. Stoffwechsel, Nahrungsverbrennung, das sind alles industrielle Modelle. Auch die von Freudsche Psychoanalyse beruht auf industriellen Dampfmaschinenmetaphern, siehe Triebstau, Überdruck, Ventil.

Welchem Schreckensbild entsprach dann Frankenstein?

Freyermuth: Der Automat, die automatische Puppe, das waren Schreckgestalten der mechanischen Epoche, in der die Menschen diese Phase der Maschinenwerdung verarbeiteten. Frankenstein wurde dann der erste industrielle Mensch, montiert wie ein industrielles Produkt aus Einzelteilen – Leichenteilen – und belebt durch Elektrizität, Blitzschlag. Die nächste Schreckfigur, die mit der zweiten industriellen Revolution entsteht, mit Taylorisierung, Elektrifizierung, Automatisierung, ist der Roboter. Karel Čapek hat mit seinem Robot-Stück „R.U.R.“ 1921 den Namen dafür geprägt.

Und mit der Digitalisierung entstand dann die Figur des Cyborgs?

Freyermuth: Ja, der erste große Cyborg der Filmgeschichte, Yul Brynner in „Westworld“, 1973, war ein Mischwesen aus Fleisch und Chips. Er hatte einen menschlich wirkenden Körper und ein elektronisches Gehirn, einen Computer im Kopf. Der es ihm ermöglichte, sich gegen seine Schöpfer, die Menschen, denen er dienen sollte, aufzulehnen, sie zu ermorden.

Wobei der berühmteste Cyborg, der Terminator, ja nicht mehr ein Schreckgespenst ist, sondern sympathisch, einer, der sogar fähig wird, menschliche Gefühle zu lernen.

Freyermuth: Ja, die drei Filme der Terminator-Reihe führen uns die Umwertung des Cyborgs vor. Er beginnt wie der Roboter als Figur des Bösen, als Feind der Menschheit, und wird im Laufe der Jahre immer besser. Der Terminator des ersten Films, vergessen wir das nicht, ist noch durch und durch gefährlich. Das Anfang der achtziger Jahre, als die meisten Menschen digitale Technik nur vom Hörensagen kannten und entsprechend fürchteten. Im zweiten Film kommt dann der Terminator, um die Menschheit zu retten, zu verteidigen gegen den neuen, dramatisch verbesserten Terminator. Damit wird die Figur des Cyborgs ambivalent – es gibt nicht mehr nur schlechte, es gibt auch gute Cyborgs. Und die – die richtige Cyborgisierung –, das lehrt uns diese populäre Fiktion, brauchen wir, denn von ihr hängt unser Überleben ab.

Zeigt sich diese Umwertung auch in dem Trend, Körperteile, die eigentlich funktionieren, aus ästhetischen Gründen zu ersetzen, Brüste zum Beispiel?

Freyermuth: Wir stehen ganz sicher an einem Scheidepunkt der Medizin. Die mechanische, die industrielle Medizin war ja immer eine Reparaturmedizin, die nur dann eingriff, wenn etwas kaputt war. Und das war auch gut so, weil der Ersatz eigentlich immer schlechter war als das Original. Das künstliche Holzbein war schlechter als das Bein, das man vorher hatte. Bis heute ist unser eigenes Herz besser als alles, was man uns einpflanzen kann. Selbst künstliche, digital gesteuerte Hände funktionieren nicht so gut wie eine echte Hand.

Der nächste Schritt der digitalen Medizin geht jedoch über Reparatur und Austausch hinaus – mit der Genmanipulation erreichen wir die Stufe einer „natürlichen“ Korrektur und Augmentierung. Und die Kunst ahnt wieder, was da kommt: Der jüngste Schreckensentwurf, der den schrecklichschönen Cyborgs zur Seite tritt, ist der Klon – das genetisch manipulierte und daher wiederum künstliche Leben.

Der kopierte Mensch …

Freyermuth: Genau, aber nicht nur einfach kopiert. Wir haben im vergangenen halben Jahrhundert erkannt, dass die Essenz unseres Seins nicht der ersetzbare Körper ist, das Physische, die Hardware –sondern die Software, unser genetischer Code. Und diese Erkenntnis führt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit dazu, dass wir nun daran gehen wollen, diesen Code umzukodieren, zu verbessern.

Aber das funktioniert doch noch nicht … 

Freyermuth: Im Hinblick auf die Basisinnovationen haben wir die Voraussetzungen für die Reprogrammierung des genetischen Codes geschaffen. Dass es in der Praxis noch nicht perfekt funktioniert, ist kein prinzipielles Argument dagegen. Vom heutigen Stand aus betrachtet, ist die Umschreibung möglich und damit nurmehr eine Frage der Zeit.

Es könnte also möglich werden, dass mir ein neuer Zahn wächst?

Freyermuth: Ja, wenn Sie zum Beispiel solche Kaninchenzähne haben wie ich: Die hätte ich mir natürlich ziehen lassen können, aber ich bin doch nicht so blöd und mach mir da ein Gebiss rein. Aber wenn ich mir ein komplett neues und besseres Set wachsen lassen könnte …

Wir sind ja schon dicht dran, Seh- und Hörnerven wieder zu aktivieren, so dass man wieder normal hört. Aber wenn das geht, warum dann nur normal hören? Dann möchte ich besser hören als andere Leute. Und ein anderer möchte vielleicht Radaraugen! Mit genetischer Manipulation wird die Grenze überschritten von einer reinen Reparatur- zu einer Verschönerungs- und Verbesserungsmedizin. Die Anfänge können wir bereits in dem wachsenden sozialen Bedürfnis nach Schönheitsoperationen erkennen. Das ist die medizinische Wachstumsbranche. In diesem Bedürfnis kann man deutlich sehen, wie sehr die Menschen in den entwickeltsten Regionen dieser Welt schon vom Umgang mit digitaler Technologie geprägt sind, wie sehr sie sich als Software begreifen. Ich gucke in den Spiegel und sage: So sehe ich mich nicht, wie ich da aussehe. Ich sehe mich eigentlich mit einer schöneren Nase, und schwupp, bestell ich mir die neue Nase. Das machen Hunderttausende von Menschen unter großen Schmerzen! Wenn das erst einmal schmerzlos möglich sein wird, wer wird dann sich nicht ein wenig verbessern wollen?!

Sie meinen, wir empfinden unseren gottgegebenen Körper zunehmend als manipulierbare Datei?

Freyermuth: Ja. Darin drückt sich eine neue Form der Selbsterkenntnis aus, die produktiv weiterwirkt, sowohl auf die Erkenntnis, was wir sind als auch auf die Entwicklung der jeweiligen Technologie. Alle Maschinen sind nach unserem Bilde gemacht, so wie unser Selbstbild von ihnen beeinflusst wird. Unser Menschenbild entwickelt sich in direkter Wechselwirkung mit dem technologischen Fortschritt, nicht als Widerspiegelung oder Konsequenz.

Bevor Leute Maschinen entwickelten, muss das mechanische Konzept schon in ihren Köpfen gewesen sein.

Freyermuth: Wir sind von Anfang an Wesen gewesen, die mit Werkzeug umgehen. Jede Form menschlicher Kultur basierte auf Techniken – die wir bis heute immer weiter externalisieren und damit verselbständigen. Sprache ist eine der frühen Kulturtechniken. Aber indem ich Ihnen hier aufs Tonband spreche, erhöhe ich die Reichweite meiner Worte dramatisch, weil Sie das Tonband wegtragen und sich diese Aufzeichnung zu Hause noch mal anhören können, morgen oder auch in 10 Jahren – Gott behüte. Mit Hilfe dieses Mediums externalisiere ich also meine Gedanken und rette sie über Raum und Zeit.

Die Digitalisierung hat das dann noch mal extrem erweitert …

Freyermuth: Ja, aber das Entscheidende der Digitalisierung besteht nicht in der besseren Hardware, sondern in dem Entstehen von etwas ganz Neuem, nämlich Software: von Programmen und Dateien, Virtualisierungen also der Werkzeuge wie der verschiedenen Speichermedien für Texte, Töne, Bilder. Als Software werden die Werkzeuge leistungsfähiger und die Speichermedien elastischer – mit einem Schreibprogramm kann ich halt Texte endlos und automatisiert manipulieren, wie ich es mit einer Schreibmaschine und Papier nie konnte. Obendrein kann ich das Schreibgerät selbst endlos upgraden, Version 1.0, 2.0, 3.0 usf. Alles lässt sich im Softwaremedium unentwegt umarbeiten und verbessern. Aus dieser historisch neuen Erfahrung speist sich das neue, das genetische Menschenbild.

Der virtualisierte Mensch?

Freyermuth: Ja, wir wissen nun, dass wir, unsere Körper nur Träger eines Codes sind, der vor uns in anderen Menschen war und nach uns in anderen Menschen sein wird. Wir sind nur ein temporäres Speichermedium, nur eine Version des Codes.

Unromantisch.

Freyermuth: Vielleicht. Auf jeden Fall aber unzulänglich! Wir könnten und sollten das – also: uns – verbessern.

Unsere Identität beinhaltet doch auch, was wir im Laufe unseres Lebens im Gehirn abspeichern – was verloren geht, wenn wir sterben.

Freyermuth: Und das ist eine Schande! Daher zeugen Menschen Kinder und erziehen sie, weil die Kinder sie überleben und dadurch, dass sie sie erzogen haben, sozusagen bestimmte Elemente ihrer Software – hoffentlich! – weitergegeben. Aus der Einsicht in diesen Verlust an Wissen und Erfahrung aber, den jeder Tod bedeutet, kommt auch die fantastische Idee bei Moravec wie Minsky, Unsterblichkeit zu erlangen, indem wir unsere Gehirninhalte nanotechnisch auslesen und auf andere Speichermedien sichern. Denn wenn das, was unsere Identität ausmacht, etwas ist, das Software-artig gespeichert ist in unserem Gehirn, dann sollten wir doch in der Lage sein, uns umzuspeichern, auf ein anderes Medium und uns in die Datennetze hochzuladen, um als ätherische Software-Wesen den Planeten zu umkreisen. Das sind alles Ideen – ob man sie nun für absurd hält oder für irgendwann einmal möglich –, die sich in ihrer Genese deutlich erklären lassen: aus der epochalen Erfahrung der Trennung von Hard- und Software. Wieder einmal, wie in der mechanischen und wie in der industriellen Epoche, begreifen wir uns selbst nach dem Muster unserer fortgeschrittensten Techniken.

Das hat auch was Gnostisches …

Freyermuth: Sicher. Mit der Veränderung der Welt durch die digitale Technologie stellt sich die Sinnfrage radikal neu. Und das führt zu intellektuellen und spirituellen Verwerfungen. Deswegen hatten wir in der frühen Neuzeit Hexenverbrennungen, die Inquisition, die großen Glaubenskämpfe. Dasselbe erleben wir jetzt. Wir erleben die Krise des Materiellen, des Originären, der Authentizität und damit der Identitäten. Solche Zeiten radikalen Wandel des Menschenbildes sind immer auch Phasen, in denen einerseits Regression angesagt ist, aggressiver Fundamentalismus, in denen aber andererseits auch die Hoffnungen erstarken und die wildesten Utopien wieder blühen.

 

Zur Person:

Dr. Gundolf S. Freyermuth ist Professor für “Media and Game Studies” am Cologne Game Lab der Technischen Hochschule Köln. Von 2004 bis 2014 lehrte er Angewandte Medienwissenschaft an der Internationalen Filmschule Köln. Seitdem unterrichtet er dort als Associate Professor “Comparative Media Studies”. Freyermuth ist Autor zahlreicher Sachbücher und Romane und arbeitete als Redakteur für das Kulturmagazin TransAtlantik, als Reporter beim stern, als Chefreporter bei Tempo. 1993 zog der Deutschamerikaner auf eine Ranch in Arizona. Seit 2004 lebt er mit Frau und Kindern wieder in Berlin.

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Glosse

Gott 2.0: Ein Comeback

Geben wir es doch zu: Die Glaubensfestigkeit der Muslime macht uns Deutsche richtig neidisch. Was würden wir drum geben – für so ein starkes Gottvertrauen. Es ist uns verloren gegangen, Gott allein weiß, wie. Menschen mit Kopftüchern und Hauben, die ihren Mohammed haben, erinnern uns an den, der jüngst wieder auferstanden von den Toten. Da haben wir uns selbst ein Ei gelegt mit all diesen Feiertagen, dann steigt der Trostbedarf – der Schmerz sitzt tief, und Schokoladeneier kommen gerade recht. Gottlob sind sie da, die süßen Markenmacher mit Lutschersatz und leckersten Ikonen, die uns in modernem Sehnen und Begehren verbünden. „Hallo Mr. Gott“, sprach Anna zu längst vergangenen Zeiten. „Gespräche mit Gott“ führen heut doch nur esoterisch Verbrämte. Die Süddeutsche zeigt auf: „Der Prophet Moses hat nach Ansicht eines israelischen Wissenschaftlers unter Drogen gestanden, als er auf dem Berg Sinai Gott hörte und von ihm die Zehn Gebote empfing.“ – „Ist Gott demnach nichts anderes als ein magnetisch induziertes Flackern der Neuronen?“, überlegt Ulrich Schnabel in der Zeit.

Gott in der Presse: Sein Image ist meistens mies, es sei denn Johannes B. Kerner und die TV-Köche Alfons Schubeck und Horst Lichter wollen „essen wie Gott in Frankreich“ oder die Bunte zeigt „Christina Aguilera mit dem Busen, den der liebe Gott schuf“. Auch bei Kicker, Deutschlands größter Sportzeitschrift, ist Schalke beim Spiel gegen Bielefeld „Gott sei Dank in Führung gegangen“, und Motorsport hält Jorge Lorenzo für „gottbegnadet“. Dass wir zur Vielgötterei neigen, schämt sich Gala nicht zu zeigen und outet Justin Timberlake als „Pop-Gott“. Man sieht: Gott ohne Add-on geht gar nicht. „Göttlich cremig“ ist Philadelphia, Zypern, „die Insel, wo die Götter Urlaub machen“.

Gott alleine hat keinen USP, es sei denn, er kommt modern mit Markenmehrwert. „Daneben, da haben Sie völlig Recht, ist das Plagiat unter Marketingaspekten ein Gottesgeschenk“, räumt Stephan Koziol im Interview mit Gabriele Fischer immerhin noch ein; im selben Glauben ernennt sich eine Werbeagentur zum „Götterfunke“, na klar in Bayern, da wird Gott ja auch täglich gegrüßt.

Im größten Teil des ganz realen Deutschlands ist Gott ein Außenseiter, ein Obdachloser, eine Randfigur, erst recht ein Ausländer, nachdem selbst er im Zuge des allgemeinen Braindrains nach Amiland auswanderte. Kein Wunder, dass wir ihn erst recht ablehnen, seitdem er als Alter Ego des „No Brainer“ fungierte. „Gott hat mir gesagt: ‚George, geh nach Afghanistan und bekämpfe diese Terroristen.'“, so Bushs Sohn zum Spiegel. Längst hat das Folgen: Fundamentalistische Christen wollen in den USA auch Schule und Wissenschaft auf bibeltreuen Kurs bringen, und jetzt mehren sich sogar in Deutschland die Versuche, die Evolution in Frage zu stellen. „Der Mensch kann gar nicht vom Affen abstammen. Weil er nämlich von Gott geschaffen worden ist!“, zitierte jüngst der Focus und wusste: „Biologielehrer müssen sich in letzter Zeit häufiger mit solchen Argumenten auseinander setzen.“

Tatsache: Gott meldet sich aus dem Hinterhalt zurück, guerillamäßig mit Überraschungsangriffen von gleich mehreren Seiten, und Google ist Wiedergeburtshelfer: „Gott liebt Sie!“, vermitteln mir intelligente Suchanzeigen plötzlich, glaubend, ich wolle „Gott persönlich kennenlernen“. www.touch-me-gott.com offeriert mir bekennende Fanartikel und Orgelklingeltöne.

Dass wir im Cyberspace „mit Gott rechnen“ müssen, ermittelte schon zur Jahrtausendwende Gundolf Freyermut: Göttlichkeit entsteht im höchsten Ausmaß von Vernetzung, doch hier wird er auch möglich, der individualisierte, der wahrhaft allgegenwärtige Gott. Hunderttausende suchen ihn bei Godtube, seine viralen Predigten verbreiten sich auf kathtube und katholisch.de. Der persönliche Segen als immer abrufbarer Podcast kann im weltweiten Netz wie Phönix aus der Asche neu erwachsen: Gott, wiederauferstanden als Marke für Nischenmärkte.

[PromotionBusiness, 4/2008]

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PR-Artikel

Eine Clown-Frau albert mit Senioren

In der clownesken Rolle der Henriette Knopf treibt die Schauspielerin Katharina Witerzens den Zuschauern Lachtränen in die Augen. Ihr erklärtes Ziel: mit der Naivität des Narren Freude und Leichtigkeit in den Alltag von alten Menschen bringen.

„Kennen Sie Henriette Knopf? Gönnen Sie ihr ein Lächeln!“ Mit diesen Worten wird die Schauspielerin Katharina Witerzens einmal pro Monat in der Kursana Residenz Celle angekündigt. Und obwohl sie jedes Mal in neuer Verkleidung auftritt – als Engel, Clown oder Regenmacherin – erkennt jeder sie sofort wieder: „Was hast Du Dich wieder schick gemacht!“ Ein großes Lachen auf allen Seiten ist ihr sicher.

Auch für Gesa Neumann-Hauf, die kulturelle Betreuerin der Senioreneinrichtung, war es Liebe und Begeisterung auf den ersten Blick: „Katharina Witerzens holt die Damen und Herren dort ab, wo sie gerade stehen.“ Selbst wenn sie klagen oder jammern: Das Zwicken in den Gelenken kann Henriette Knopf mit Zaubersprüchen wegkitzeln. Wer sich selbst als lahme Ente beschimpft, bekommt dieselbe gleich zu sehen. Der Rollator wird zum Requisit für den Plüschtiertransport: „Darf ich ein Stück mitfahren?“, fragt Henriette Knopf. In den meisten Fällen darf sie.

„Die Schmerzen im Rücken, da macht sie was draus. Die Leute lachen, der Teufelskreis wird durchbrochen. Ihre große Stärke besteht darin, Beklagenswertes umzupolen.“ Direktorin Monika Kottwitz lädt die Schauspielerin, die nach einer umfassenden Ausbildung lange als Klinik-Clown in Freiburg und Lörrach gearbeitet hat, zusätzlich ins Kursana Domizil nach Nienhagen. In dem wohnlichen Backsteinrundbau hat man sich ganz auf die Bedürfnisse von Dementen eingestellt. „Frau M. weiß nach einer halben Stunde schon nicht mehr, was sie eben gegessen hat, aber sie kann genau berichten, was Henriette Knopf heute wieder auf Lager hatte.“

Wenn Katharina Witerzens in ihrer clownesken Rolle erscheint, hat sie immer auch Texte, Figuren und Überraschungen dabei: Anekdoten von Klein-Erna, Fingerpuppen aus Filz, mit denen sie die Bewohner zum Spiel einlädt, „Schweizer Grippe-Impfung“ in Form von Schweizer Kräuterbonbons. Ihre kindliche Naivität erobert jedes Herz im Sturm. Bei manchen ganz schnell, bei anderen langsam. „Als Clown kann ich mich auf jeden einstellen, auf die Dame, die in Versform redet, den Herrn, der mir wortlos die Hand entgegenstreckt. Ich kommuniziere mit ihnen auf einer emotionalen Ebene, hole sie aus ihrer Monotonie, bringe sie zum Lachen und erschrecke sie.“ Henriette Knopf ruft die ganze Gefühlspalette wach. Dann hüpft sie weiter über die Flure, klopft und fragt, ob sie hereinkommen darf und bringt mit ihrer spielerischen vorbehaltlosen Leichtigkeit Stimmungswechsel in jeden Winkel.

Kontakt:
Kursana Residenz Celle
Kursana Domizil Nienhagen
Direktorin: Monika Kottwitz
Bennebosteler Weg 1
29336 Nienhagen
Tel.: 05144 / 979-0

siehe auch: katharina-witerzens.de

This entry was written by Isabelle, posted on Dezember 5, 2007 at 3:36 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Ghostwriting

„(…) Der allgemeine Konjunkturaufschwung ist vom Endkunden bis zum Werbemittelhandel deutlich zu spüren. Bei uns macht sich die positive Stimmung zum einen am Umsatz, aber auch an vermehrten Anfragen bemerkbar. Das Einkaufsverhalten verändert sich insofern, als dass die Zeitspanne zwischen Auftrag und Auslieferung weiterhin abnimmt. Kaufentscheidungen werden aber nicht schneller getroffen. Gerade größere Industriekunden denken sehr lange über Angebote nach.
Insgesamt nimmt die Anforderung an Flexibilität zu. Das betrifft Lieferzeiten, Sonderanfertigungen, kundenindividuelle Einfärbungen und einiges mehr. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Kunde einfach nur einen bedruckten Kugelschreiber oder eine Tasse brauchte. Heute möchte er Vorschläge bekommen, unter denen er auswählen kann: 3-Zeiler oder Rundumdruck, Kunststoff- oder höherwertiges Schreibgerät, größerer Kaffee-Mug oder Designtasse. Der Kunde fragt vermehrt nach Lösungen und wünscht unsere Beratung hinsichtlich geeigneter Produkte für seine individuelle Werbekampagne.
Diese Entwicklung ist sehr positiv und wird durch die Beratungskompetenz unserer qualifizierten Mitarbeiter im Vertrieb professionell unterstützt; die persönliche Kundenbeziehung steht für unser Unternehmen im Vordergrund und hat letztendlich sogar eine größere Bedeutung als der Preis.
Vor kurzem haben wir für ein großes Pharmaunternehmen in Russland ein Schreibgerät mit Rundumdruck konzipiert, als Bestandteil einer breit angelegten Imagekampagne. Wir haben hier aktive Marketingberatung geleistet und auf ein qualitativ hochwertiges Produkt gesetzt. Obwohl unser Angebot teurer war als das eines Mitbewerbers, der aus China importiert, waren wir es, die den Auftrag bekamen.
Kurzfristig wirkt sich dabei natürlich auch die Negativpresse zu den Rückrufaktionen von Toys“R“Us positiv für Werbeartikel „Made in Europe“ aus. Vorübergehend wird sich dieses Ereignis insgesamt negativ auf asiatische Produkte auswirken. In wenigen Wochen haben sich hier die Wogen aber wieder geglättet.
Beim grünen Werbeartikel haben wir es hingegen mit einem Megatrend zu tun. Die gesamte Branche muss sich neu aufstellen, um dem Kunden echte Nachhaltigkeit gewährleisten zu können. Bei uns laufen sehr viele Entwicklungen zu diesem Thema. Das fängt beim internen Recycling an und geht bis zu kompostierbaren Materialien.
Neue Produkte, Technologien und unsere engen Kundenkontakte werden auch 2008 zu einem erfolgreichen Jahr werden lassen. Eine positive Entwicklung erwarten wir insbesondere auch in Osteuropa. (…)“

[Branchenmonitor 2011/ WA Nachrichten 249]

This entry was written by Isabelle, posted on Juli 19, 2007 at 2:32 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Kurzgeschichten

Moderne Albträume

Auf dem Rückflug aus der Dom Rep hatte K. einen Albtraum: Erst ähnelte die Szenerie noch seiner Muckibude und er wähnte sich fleißig auf dem Crosstrainer die breiten grauen Pedale treten. Bis er plötzlich bemerkte, dass rings um ihn gar keine Geräte waren und auch keine Leute, dass er in Wirklichkeit auf zwei gigantischen Tasten herumtrampelte, die riesengroß mit „Entf“ und „Einfg“ beschriftet waren. Als K. entsetzt hinaufsah, erkannte er, dass der Monitor über ihm nicht etwa die aktuellen Börsennachrichten auf Fox News brachte, sondern das Fenster seines Mail-Clients zeigte. Fassungslos starrte er auf die unglaubliche Zahl in Klammern neben „Posteingang“: 4.815.162.342 … Und sie wuchs im Minutentakt! Panik durchfuhr K.: Was konnte passiert sein, dass er so viele Mails nicht beantwortet hatte?! Die fettschwarzen Betreffzeilen kündeten von Reichtum, Potenz und Erotik, lieferten Rechnungen von Quelle, Ebay und 1&1. Mit beiden Füßen sprang K. auf die „Entf“-Taste, doch sie gab plötzlich kaum noch nach. Unendlich lange schien es zu dauern, bis die oberste E-Mail, deren Penisverlängerungsversprechen er gerne geglaubt hätte, im Nirwana verschwand. Ganz unten sah er den Eintrag „Re: heute Abend“ auftauchen. Lydia! Sie meldete sich doch noch bei ihm! K. hopste auf und nieder, aber die Taste knirschte nur noch. Zigarettenasche und Brotkrumen stäubten unter ihr hervor. Verzweifelt drehte sich K. in die Gegenrichtung und sah fünf Tasten entfernt das Pfeilsymbol leuchten. Erleichtert setzte er zum Sprung an, um auf anderem Wege die E-Mail seiner Herzensdame zu öffnen, aber wie es in Albträumen nun mal so ist, hatte er plötzlich keine Gewalt mehr über seine Muskeln und plumpste bäuchlings auf die riesige Eingabetaste, die zu wackeln begann wie ein Floß bei Sturm auf See. Fataler Fehler! Irgendetwas war durch seinen Bauchplatscher in Aktion getreten, etwas Schreckliches, Grauenvolles. Wildes Wiehern und Schnauben kündeten davon. Blitzschnell drehte K. sich um und konnte sich gerade noch in der Fuge zum „#“ davor retten, von den massiven Hufen eines trojanischen Pferdes zermalmt zu werden. Mähneschleudernd stellte das Riesenross sich auf die Hinterbeine, zerschmetterte vorne die Pfeil-nach-unten-Taste und versenkte hinten ein dampfendes Etwas in der Rille zur Pfeil-nach-oben-Taste. Doch damit nicht genug. Als nächstes wurde ein ungeheures Netz auf ihn herabgeworfen mit Schlingen so klebrig wie das Spinngarn von Spiderman. Mit letzter Kraft wälzte sich K. auf den Rücken und sah schreckensweiten Auges unbekannte Flugobjekte aus dem fluoreszierenden Screen dringen, deren Gestalt an kleine Massagebälle erinnerte oder – und das war sicherlich zutreffender – an digital designte Virensymbole. Weit dahinter erkannte K. noch weitere E-Mails seiner Liebsten, alle mit einem Ausrufezeichen versehen. Ganz entfernt leuchtete „Esc“. K. machte einen letzten Versuch, sich zu erheben. Doch in diesem Augenblick erhielt er eine SMS, eine zweite, eine dritte, eine vierte … Mühsam zog der umgarnte K. das Handy aus seiner Brusttasche. Die erste Kurzmitteilung war ein Sonderangebot des Providers, die zweite schlug ein Wettspiel vor, die dritte lud ihn zum kostenlosen Probetraining ein und die vierte: „Ich mach Schluss“, schrieb Lydia. Und als ob das noch nicht genug war, erschallte jetzt die Stimme seines Vorgesetzten aus dem Off: „K., mir reicht’s! Deine Produktivität lässt zu wünschen übrig! Du bist fristlos entlassen!“

Als K. am nächsten Morgen ins Büro kam, den PC startete und seine E-Mails abrief, war er richtig erleichtert, dass er in seiner Urlaubswoche nur 34 Angebote zu Penis- und Ausdauerverlängerung erhalten hatte, nur zwölf, die versprachen, sein Gewicht zu reduzieren, bloß sieben gefälschte Rechnungen und gerade mal fünf E-Mails, die Viren enthielten, aber längst vom Schutzprogramm unschädlich gemacht worden waren. Lydias Botschaft war im Spam-Ordner gelandet, und da gehörte sie auch hin.

[Reinschrift 2, 2007, Lucien Deprijck (Hrsg.), van Aaken Verlag, Köln]

Riesenlaptop in der DASA Dortmund

So ein Riesenlaptop wie aus dem Albtraum findet man in der DASA in Dortmund (Foto: Klaus Heß)

Tipp: Eine meiner neueren Kurzgeschichten („Kuckuckskind“) bekommt Ihr per STORYAPP zu lesen.

This entry was written by Isabelle, posted on März 3, 2007 at 4:10 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Texte zur Kunst

H.G. Esch
Fotograf
www.hgesch-gallery.com

In den Bildern des mit zahlreichen Auszeichnungen gekürten Fotografen H.G. Esch (*1964) werden architektonische Meisterwerke außergewöhnlich in Szene gesetzt. Eschs Aufnahmen leben von einer eigenen Ästhetik, die Besonderheiten eines Bauwerks mit ungewohnten Blickwinkeln und großen Brennweiten darzustellen. Sorgfältig ausgewählte Perspektiven und raffinierte Licht-Schatten-Dramaturgien rücken nicht nur die formalen Reize und besonderen Materialitäten der Monumente, sondern auch das städtebauliche Umfeld ins Zentrum der Bildkomposition.

So haben verschiedene Bauperioden der Metropole New York unterschiedlichste Formen und Farben verliehen. Gebilde und Strukturen wie Pinienzapfen oder riesige Nester überragen niedrige Shopping-Konstruktionen – ein kontraststarkes Nebeneinander. Esch zeigt Hochhäuser als Muster im Kontext und, in einer zweiten Schicht, die Lebenszeichen dahinter: organische Formen der Moderne, verdichtet, gebannt im fotografisch-hyperrealistischen Großformat – das erhabene Moment der Architektur, gefeiert in seiner abstrakten Qualität und gestaltenden Kraft.

Von den architektonischen Prinzipien und raumbestimmenden Flächen der Gebäude wird der Blick zugleich aufs Detail gelenkt. Im großen Bildkreis schafft Esch durch das gezielte Spiel mit Mikro- und Makrostrukturen stimmungsvolle Sichten mit surrealen Akzenten. Ein oftmals enges Beieinander von Nah- und Fernsicht verleiht den genau kalkulierten Panoramen eine spannungsvolle Tiefenwirkung und Unbegrenztheit. Dann wieder fokussiert die Kamera architektonische Module im Ausschnitt, sodass die Beschaffenheit der Bestandteile zum Tragen kommt. Eschs Meisterschaft liegt in ihrem transzendierenden Moment, bei dem die ästhetische Qualität in einer Überhöhung aufgeht und neue Horizonte öffnet.

 

[Katalogtext Intiempo, München, 2006]

 

This entry was written by Isabelle, posted on Juli 25, 2006 at 9:41 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Flyer

bogestra 50 10 flyer seite 1

„2004 fing alles an. Bei einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt kamen auf der Gelsenkirchener Straßenbahnlinie 301 der BOGESTRA erstmals Kundenbetreuer zum Einsatz. Den Anstoß dazu hatten Kundenbefragungen geliefert, in denen der Wunsch nach einem persönlichen Ansprechpartner neben dem Fahrer geäußert wurde …“ [Text für Flyer (download) zum „Projekt 50 10“ der BOGESTRA AG]

This entry was written by Isabelle, posted on Juli 16, 2003 at 8:55 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Fachbeitraege

Storytelling: Flurfunk für alle

Weil Mitarbeiter es hassen, in Datenbanken Lösungen zu suchen, verbreitet Rank Xerox die Erzählungen aus der Kantine – mit überraschendem Erfolg

Die Freude am Erzählen haben Xerox-Angestellte schon vor einigen Jahren entdeckt: In den Mittagspausen tauschten sich die Service-Techniker über ihre aktuellen Projekte aus – sie erzählten sich Reparatur-Geschichten. Mit doppeltem Nutzen: Einerseits ernteten die Techniker mit besonders originellen Ideen Anerkennung von den Kollegen, andererseits haben die übrigen Techniker auf diese Weise ständig dazu gelernt. Der Effekt: Xerox-Kopierer wurden zunehmend schneller repariert.

Flur- und Kantinengespräche verbessern nicht nur das interne Klima, sie haben durchaus unternehmerischen Nutzen. Zu dieser Erkenntnis kam auch Tom Ruddy, Manager der Worldwide Customer Services bei Xerox. Ruddy ließ diese Geschichten fortan über das Intranet verbreiten – ein neuer Ansatz für Wissens-Transfer im Unternehmen war geboren.

Storytelling, Wissenstransfer über Erzählungen, ist eine neue Management-Methode, die die Psychologie berücksichtigt: Menschen interessieren sich eher für Geschichten aus dem persönlichen Umfeld, als für trockenes Faktenwissen und Nachschlagewerke. Schon unsere Vorfahren lernten aus überlieferten Erzählungen. In der Wirtschaft ist das nicht anders. Wenn Wissen in Datenbanken unpersönlich abstrahiert wird, greift niemand mehr darauf zu. Der Vormarsch der Technik drängt den zwischenmenschlichen Gedankenaustausch ins Abseits.

Storytelling-Methode

Storytelling greift nun bewusst auf die Fähigkeit des Menschen zurück, über Erzählungen Erfahrungen weiterzugeben. Bei dieser Methode berichten Mitarbeiter und Manager eines Unternehmens, wie sie den Ablauf eines Projektes wahrgenommen haben, wie sie die Entwicklung des Unternehmens sehen oder einfach wie die Arbeit in einem bestimmten Team funktioniert. Gesprächspartner ist ein unabhängiger Interviewer, der später die Geschichten analysiert und auf einen Nenner bringt.

Während normalerweise Projekte durch Checklisten und Protokolle dokumentiert werden, ergänzen die Storyteller diese trockenen Zahlen durch weiche Faktoren. Wie zum Beispiel der Stahlhersteller Voestalpine in Linz, der zum zweiten Mal eine Feuerverzinkungsanlage umbauen musste. Sieben Jahre zuvor hatte ein ähnliches Projekt vollkommen reibungslos funktioniert. Voestalpine wollte diesen Erfolg nun reproduzieren.

Weil die Gründe für den Erfolg anhand der harten Kennzahlen nicht zu erkennen waren, befragte die Interviewerin Christine Erlach 50 Mitarbeiter nach ihren persönlichen Erfahrungen. Das Ergebnis scheint zunächst banal: Lob und Anerkennung hatten das Projekt zum Erfolg geführt. Weniger banal aber ist diese Schlussfolgerung: Offensichtlich ist bei Projekten, die weniger reibungslos liefen, zu wenig gelobt worden. Der Lerneffekt: Um langfristig erfolgreich zu sein, muss das Unternehmen eine Kultur der Anerkennung schaffen.

Viele Einzelgeschichten waren es auch, die bei der Münchner Software-Firma Fast die Konflikte zwischen indischen und deutschen Mitarbeitern thematisierten. Während Geschäftsführer Rudolf Haggenmüller davon ausging, dass seine Mitarbeiter Verständigungsprobleme hatten, brachten die Geschichten ein ganz anderes Problem ans Licht: „Wir dachten, da kommen diese teuren Experten aus Indien, die können das eh viel besser, denen brauchen wir nichts zu erklären.“

Interviewer wie Erler und Thier, die gerade am Institut für Medienpädagogik der Universität Augsburg über narratives Wissensmanagement promovieren, müssen nicht nur gut zuhören können, sie müssen auch analytische Fähigkeiten haben. Aus der Faktenmasse müssen sie die entscheidenden Punkte herausfiltern. So destillieren sie aus vielen kleinen Einzelgeschichten eine Gesamtstory, die zu einem Wissenstransfer verhilft, der zwischenmenschliche wie projektbezogene Verständigung schafft.

Reaktionen der Kollegen verstehen

Die Gesprächssituation ermöglicht es den Mitarbeitern erst, über die Probleme in Projekten zu erzählen: „Weil keiner dabei ist, der einen beeinflussen kann und weil die Interviewer nicht im Projekt, neutral sind und gezielte Fragen stellen“, sagt Projektentwickler Marko Pareigis. Während er anfangs skeptisch war, ob da überhaupt was Messbares rauskommt“, hätten ihm die Geschichten am Ende doch geholfen, die Reaktion vieler seiner Kollegen zu verstehen.

Nicht alle Angestellten sind gleichermaßen leicht zum Erzählen zu bewegen: „Im Karrieretunnel wird früh geübt, strategisch vorzugehen und unangenehme Wahrheiten für sich zu behalten“, sagt Hermann Sottong, der sich darauf spezialisiert hat, mit Storytelling verborgene Unternehmens-Spielregeln aufzuspüren. Gerade die Top-Manager täten sich mit dem Erzählen schwer. Bei ihnen ist das psychologische Fingerspitzengefühl des Interviewers besonders gefordert.

Sottong hat eine eigene Storytelling-Methode entwickelt. Er befragt Mitarbeiter nach ihrem persönlichen Werdegang im Unternehmen und filtert aus 20 bis 30 Biografien heraus, welche Zielvorstellungen im Unternehmen wirklich existieren. Seine Diagnose zeigt dann zum Beispiel, warum sich das neue Unternehmensleitbild Kundenorientierung trotz zahlreicher Workshops einfach nicht in den Köpfen der Mitarbeiter festsetzen will: „Wenn der Kunde in den Erzählungen gar nicht vorkommt und die Mitarbeiter vor allem vom Gewinn ihrer Abteilung sprechen, kann Kundenorientierung gar nicht zustande kommen.“ Die Berater von Sottongs Firma System + Kommunikation machen also die Geschäftsleitung aufgrund ihrer Analyse darauf aufmerksam, dass Kunden- und Shareholder-Orientierung sich im Unternehmen offenbar widersprechen, und dass das Unternehmen nun gefordert ist, dieses Paradox aufzulösen.

Nicht alle Unternehmer akzeptieren solche Ergebnisse. Lieber doktert die Führungssspitze weiter am Symptom herum. Dann heißt die „Lösung“ in der Regel: Noch mehr Trainings, noch mehr Broschüren, noch mehr Meetings, aber bloß keinen Wandel. Diese Chefs haben nicht erkannt, dass es einfach so gehen könnte, sich auf alte menschliche Traditionen zu besinnen und am Lagerfeuer oder in der Kaffee-Küche den Geschichten der Kollegen zuzuhören.

[Handelsblatt, Oktober 2002]

This entry was written by Isabelle, posted on Oktober 3, 2002 at 5:31 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Rede

Liebe Gäste, mir wurde die Ehre zuteil, heute die einleitenden Worte zur Eröffnung der Ausstellung „Sieben Särge“ von Gerhard Rossmann zu sprechen. – Eine ungewöhnliche Ausstellung – auf den ersten Blick mit dem Ruch des Makabren, denn Rossmann bricht völlig mit unserer gewohnten Sicht auf dieses letzte Möbel eines Menschen: Der Anblick eines meist ja geschlossen zu sehenden Sarges ruft in uns allen sicher sehr ähnliche Emotionen und Erinnerungen hervor. Auch der Gedanke an den eigenen Tod mag aufkommen und Angst machen. Tod und Sterben sind eben immer noch weitgehend tabuisierte Themen in unserer Gesellschaft.

Gerhard Rossmann lässt seine Särge offen, die Sargdeckel bleiben aufgeklappt, und was wir zu sehen bekommen, ist alles andere, als das, was wir bisher darin gesehen haben. Nach dieser Ausstellung werden wir mit Sicherheit, wenn wir in Zukunft Särge sichten, völlig neue Assoziationen bei ihrem Anblick haben.

Dabei geht es Rossmann mit dieser Arbeit gar nicht darum, ganz platt dem Tod seinen Schrecken zu nehmen. Vielmehr nutzt er dieses vor allem mit religiösen Zuschreibungen beladene Behältnis als vielfältigen Projektionsraum für die künstlerische Reflexion über Sterben, Tod, Glauben und Gesellschaft. Nicht zuletzt für eine Kritik an den Phantasmen der Religionen.

Gerhard Rossmann hat für seine mehrschichtige Assemblage seltenes Material aus aller Herren Länder herangeschafft, einiges im Internet ersteigert, z. B. eine Tora aus Israel, den Flugschreiber einer russischen Maschine, das Skelett eines Mannes aus dem letzten Jahrhundert. Vieles davon hat hohen Symbolgehalt, den Rossmann aber durch Rekontextualisierung konterkariert: Die Insignien der fünf Weltreligionen nebeneinander in einem Sarg … Dieses Modell finden Sie eine Treppe höher im kalten Kabinett.

Ein einziger Sarg hebt ganz von immaterieller Bedeutsamkeit ab: Sarg Sechs, der „Überlebenssarg“, ist wirklich sinnerfüllt und nützlich: Er enthält nämlich alles, aber auch wirklich alles, um – falls versehentlich begraben  – lebend wieder übertage zu gelangen: vom Urinierbeutel („Taschen-Örtchen“) für Mann oder Frau über Energieriegel bis hin zu Pressluftflasche und Brecheisen. … Könnte ein Verkaufsschlager werden …

Versäumen Sie bitte nicht, auf www.siebensaerge.de nachzulesen, was Rossmann zu jedem Sarg noch an hintergründigen Informationen zusammengetragen hat, so zu den unterschiedlichen Jenseitsvorstellungen, den fünf Weltreligionen, der Verortung des Himmels oder dem, was defacto von uns übrig bleibt, wenn wir das Zeitliche segnen. Wussten Sie zum Beispiel, dass Filteranlagen in Krematorien in Deutschland lange für pietätlos erachtet wurden? Inzwischen macht keiner mehr einen Hehl daraus, dass unsere Asche auf den Sondermüll gehört. Und das Wort Sarg haben die alten Griechen erfunden. Bei ihnen hieß es noch Sarkophag, übersetzt „Fleischfresser“. Warum? Weil die antiken Särge aus einem speziellen Kalkstein bestanden, der das Verwesen beschleunigte …

[Vortrag am 28.11.2015 zur Eröffnung der Ausstellung „Sieben Särge“ in der Wuppertaler Schwarzbach-Galerie]

This entry was written by Isabelle, posted on Mai 18, 2001 at 2:03 pm, filed under Textbeispiele. Leave a comment or view the discussion at the permalink.